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"Neue Chance für die seltene Heide-Wicke"

 

Pressemitteilung des NABU MKK vom    07. April 2018

 

NABU, BVNH und Botanischer Garten Frankfurt bringen vom Aussterben bedrohte Pflanzenart zurück in den Spessart

 

Im März 2018 war es soweit, freuen sich die Biologen Sibylle Winkel, Klaus Hemm und Uwe Barth. Eine der seltensten Pflanzenarten Hessens kehrte in ihr angestammtes Areal zurück. 40 Jungpflanzen der „Heide-Wicke (Vicia orobus)“ - eine bereits in Hessen als ausgestorben geglaubte Art - wurden an zwei ausgewählten Standorten im hessischen Spessart ausgepflanzt. Die Pflanzen waren zuvor im Botanischen Garten der Stadt Frankfurt im Rahmen eines Artenschutzprojektes ausgesät und angezogen worden. Vertreter des Botanischen Gartens Frankfurt, der BVNH (Botanische Vereinigung für Naturschutz in Hessen) Main-Kinzig und des NABU Main-Kinzig nahmen die Pflanzung vor. Die genauen Standorte bleiben aber geheim, um Diebstahl und Beschädigungen zu vermeiden. 

Einst waren über 20 Einzelvorkommen der Art im hessischen und bayerischen Spessart in einem zusammen­hängenden Band bekannt. Dieses Band erstreckte sich auf einer Länge von rund 30 km von Bad Orb im Norden bis Lohr und Rechtenbach im Süden. Von diesen Vorkommen sind heute noch drei Standorte erhalten. Insgesamt betrug der Populationsverlust über 80%. 

 

Zwischenzeitlich galt die Art in Hessen sogar als ausgestorben, denn sie konnte an allen bekannten Fundorten nicht mehr nachgewiesen werden. Zunächst war deshalb die Nachzucht von bayerischen Pflanzen zur Wiederansiedlung in Hessen vorgesehen. Hierfür hatte der Gelnhäuser Botaniker Klaus Hemm (BVNH) mehrfach Saatgut von Nachkömmlingen bayerischer Pflanzen an den Botanischen Garten Frankfurt zur Vermehrung gegeben. Dort waren bereits einige der seltenen Pflanzen für die Wiederansiedlung herangezogen worden. 

 

Der zufällige Wiederfund von ca. 40 Pflanzen an einer Wegböschung nahe dem Bad Soden-Salmünsterer Ortsteil Mernes unweit der bayerischen Grenze im Juni 2014 durch die Botaniker Horst Brand und Helmut Zeh brachte jedoch noch einmal eine Trendwende für die bestandsbedrohte Art. Jetzt konnte die Wiederansiedlung durch die Nachzucht hessischer Pflanzen erfolgen.

 

Gleich mehrere Faktoren könnten dafür sorgen, dass Vicia orobus in Hessen doch wieder eine Zukunft hat.

 

Rückenwind erhielt die seltene Art mit der neuen hessischen „Biodiversitätsstrategie“. Sie listet Tier- und Pflanzenarten auf, für deren Erhalt Hessen eine besondere Verantwortung hat. Rund 300 Verantwortungs­arten führt die sogenannte „Hessen-Liste“ auf. Darunter so prominente Arten wie Schwarzstorch, Frauenschuh-Orchidee und Feldhamster – aber eben auch die seltene Heide-Wicke. Ziel der hessischen Biodiversitäts-strategie ist es, für die Arten der „Hessen-Liste“ mittel- bis langfristig wieder einen günstigen Erhaltungszustand zu erreichen. 

 

So mit dem Prädikat „Verantwortungsart“ geadelt, wurde Vicia orobus zusammen mit 14 weiteren stark gefährdeten Arten der Roten Liste in das Projekt Erhaltungskulturen des Botanischen Gartens der Stadt Frankfurt aufgenommen. Gefördert durch die KFW-Stiftung konnten botanische Artenkenner Samen der „letzten Mohikaner“ sammeln. Im Botanischen Garten gelang es dann, alle 15 Arten zu vermehren. Unterstützt von den zuständigen Naturschutzbehörden und ehrenamtlichen Naturschützern vor Ort haben sich daraus in den vergangenen vier Jahren zahlreiche solcher Wiederansiedlungsprojekte entwickelt.

 

Damit leistet das Heidewicken-Projekt einen Beitrag zur globalen Strategie zum Schutz der Pflanzen (Global Strategy for Plant Conservation, GSPC). Diese Strategie ist ein Programm im Rahmen der Con­vention on Biological Diversity, einem völkerrechtlichen Vertrag, dem die Bundesrepublik Deutschland beigetreten ist und damit entsprechende völkerrechtliche Verpflichtungen zum Schutz von Pflanzen übernommen hat.

 

Mittlerweile entwickelten sich aus den hessischen Samen von Vicia orobus, die von den beiden langjährigen Artenkennern Dr. Karl Peter Buttler und Klaus Hemm in Mernes geerntet worden waren, unter der Projektleitung der Biologen und Pflanzenspezialisten Andreas König und Uwe Barth im Botanischen Garten rund 40 Jungpflanzen für eine Wiederansiedlung im ursprünglichen hessischen Verbreitungsgebiet.

 

Doch wo sollten die Jungpflanzen ausgebracht werden? Eine Wiederansiedlung macht nur dort Sinn, wo die jungen Pflanzen nicht gleich wieder abgemäht, weggefressen oder mit Pestiziden malträtiert werden.

 

Da die einschürigen Wiesen, auf denen die Heide-Wicke früher bei Bad Orb vorkam, inzwischen fast durchweg als Koppelweide, Intensivwiese oder umzäuntes Gartengrundstück genutzt werden, zu Vorwald herangewachsen sind oder gar aufgeforstet wurden, gestaltete sich die von der BVNH durchgeführte Suche schwierig. Schließlich konnte ein vom Standort her gut geeignetes, ungenutztes städtisches Wiesengrundstück im oberen Orbtal gefunden werden. Die Stadt Bad Orb als Eigentümer gab ihre Zustimmung zur Wiederansiedlungsmaßnahme, Regierungspräsidium Darmstadt und Forstamt Jossgrund ermöglichten dankenswerter Weise die Durchführung notwendiger Pflegemaßnahmen. Damit kehrt die in Bad Orb auch „Orber Wicke“ genannte Heide-Wicke nach vielen Jahren der Abwesenheit in ihr ehemaliges Areal zurück.

 

Einen weiteren geeigneten Standort konnte der NABU als mit über 6.000 Mitgliedern größter Naturschutz­verband des Main-Kinzig-Kreises ins Projekt einbringen, erläutert Sibylle Winkel, stellvertretende Vorsitzende des NABU Kreisverbandes Main-Kinzig. Aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden­geldern und Gewinnen der neuen hessischen Umweltlotterie GENAU konnte der NABU im gesamten Main-Kinzig-Kreis in den vergangenen Jahren eine Reihe von Naturschutz-Flächen ankaufen. Auch im Spessart wurden Flächen erworben, um neue Standorte für bedrohte Arten zu begründen, so NABU-Biologin Winkel. Eine davon im Gebiet der Gemeinde Jossgrund erwies sich für Vicia orobus als besonders geeignet.

 

Die genauen Standorte sollen allerdings nicht preisgegeben werden, ergänzen Sibylle Winkel und Uwe Barth. Zu groß ist die Angst, dass die jungen Pflanzen von Raritätensammlern ausgegraben und gestohlen werden. Erst wenn sich die Pflanze wieder an vielen Stellen im Spessart fest etabliert hat, können wir Führungen zu den Standorten durchführen und interessierte Hobby-Botaniker genauer informieren.

 

Um die Art noch weiter zu fördern, werden auf den Wiederansiedlungsflächen spezielle Schutzmaßnahmen ergriffen. Auf der Bad Orber Fläche müssen aufkommende Schlehen und Brombeeren regelmäßig zurückgeschnitten werden. Auf der beweideten NABU-Fläche werden die neu ausgebrachten Jungpflanzen anfangs eingezäunt, um sie vor hungrigen Schaf- und Ziegenmäulern zu schützen, dem „Pflegepersonal“ im NABU-Schutzgebiet. Falls erforderlich werden die Setzlinge im ersten Jahr auch gewässert.

 

Auch in den kommenden Jahren soll das Artenschutzprojekt fortgesetzt werden. Wir wollen noch weitere Pflanzen an anderen geeigneten Standorten ausbringen und hoffen, dass die Heidewicke bald wieder fest zur heimischen Pflanzenwelt des Spessarts gehören wird, erklären Sibylle Winkel, Klaus Hemm und Uwe Barth abschließend.

 

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